Beethoven: Symphonien Nr. 1-9 Christian Thielemann und die Wiener Philharmoniker

Eigentlich hatten wir uns damit abgefunden. Vorbei die Zeiten, in denen eine Gesamteinspielung der Sinfonien Beethovens die andere jagt. Vieles wurde da musikalisch gesagt. Seltener etwas bedeutsames. Während Karajan dreimal dieses Mammutwerk  einspielte (alle hörenswert, ich bevorzuge die mittlere mit den Berliner Philharmonikern für DGG), kommen heute selbst namhafte Dirigenten nur auf eine Einspielung.

Cover Thielemann Beethoven Symphonies bei Sony
Alle Neune: Thielemann Beethoven Symphonies bei Sony

Wahrscheinlich ist das auch gut so. Denn Perspektivwechsel waren selten und die Unterschiede lediglich handwerklicher Natur oder auch dem (Un-)Vermögen der Orchester geschuldet. Zuletzt hat mich die Sichtweise Gardinners begeistert. Die Form der Entschlackung und der Versuch einer historisch authentischen Interpretation schlug ein neues Kapitel auf. Was sollte da noch kommen?

Und jetzt? Eine eher historisierende Fassung im konventionellen Sound soll begeistern?

Ja. Mit guten Gründen.  Die Qualität der Stücke muss hier sicher nicht weiter hervorgehoben werden. Einzigartig, überragend, genial. Die scheinbaren Unterschiede in der Wertigkeit, die Generationen von Musikwissenschaftler als echte Kenner ausweisen sollte, halte ich hier für unbedeutend.

Dann das Orchester. Die „Wiener Tradition“, der besondere Klang, die Qualität. An die hatten wir uns so gewöhnt, dass man sich in manchem Konzert oder beim hören mancher Aufnahme fragte, ob die Geschichte und Vergangenheit nicht glorreicher waren, als die Gegenwart.

Wenn es eine Beweises bedurfte, dass ein Dirigent entscheidend für das Ergebnis ist: Hier ist er.

Ja, er hält sich nicht an die z.T. kryptischen Tempoangaben Beethovens. Ja, er lässt sich vom Moment leiten. Ja, er wirkt wie ein Traditionalist.

Und: Ja, das Ergebnis ist vor allem eines: unerhört! Was da aus den Noten und dem Orchester herausgeholt wird –da bleibt einem die Spucke weg, vor Begeisterung. Die Einzelanalyse überlasse ich gerne den Profis der schreibenden Zunft. Ich möchte mich auf einen Aspekt beschränken: den Klang.

Orchesterklang ist im besonderen Maße abhängig von Raum und Zeit.  Töne klingen im Raum und benötigen Zeit für ihre Entwicklung. Eine Kunst, die fast vergessen ist. Meist erleben wir Dirigenten die ihr Konzept – ihren Stiefel- durchziehen. Diese Konzepte sind meist beliebig und auch bei den wenigen, die es zu einer Klang-Handschrift gebracht haben, erliegen häufig der Versuchung diese nur marottenhaft einzusetzen. Nicht so Thielemann. Es kommt der Verdacht auf, dass er permanent auf der Suche ist. Nicht weil er nichts hat sondern eindeutig, weil er auf höchstem Niveau noch immer auf der Suche nach dem Besseren ist. Immer wieder.  Bei der profunden Erfahrung und der außergewöhnlichen Fähigkeit dieses Dirigenten stehen da Höhenflüge des Musikerlebens im Raum, mit und durch Wiener Philharmoniker, wie wir sie schon lange nicht mehr gehört haben. Superlative sind angemessen und der Platz in den Bestenlisten sicher.

Die Produktion, die ein Mitschnitt von jeweils 2 Konzertaufnahmen sind, ist auf DVD als Video und Audio CD (Mit Bonus DVD) erhältlich. Beide sind empfehlenswert. Mein persönlicher Favorit sind die CD´s.

Keine Kritik? Doch, natürlich. Aber was interessiert es bei 3 hervorragenden instrumentalen Sätzen der 9. Sinfonie, wenn die vokalen Beiträge nicht auf dem selben Niveau liegen. Keiner der Solisten ist überdurchschnittlich. Sicher, Beethovens Stimmführung ist nicht einfach und geradezu heikel. Wenige können das. Im Ensemble wirken die Solisten keinesfalls ausgewogen. (Welcher Agent hat sich da wohl verewigt oder welche Sänger waren eingeplant und haben da abgesagt?) Hier wurde der Einzug in den CD-Olymp klar verfehlt. Auch der Chor liefert stimmlich und klanglich nur solides ab. Schade.

Aber was ist das nach 8 Sinfonien und 3 Sätzen die in jeden Haushalt gehören müssten!

Die Produktion wurde eingerahmt von Gesprächen, die Joachim Kaiser mit Christian Thielemann über die Sinfonien und deren Rezeption führten. Ein wahrlich geistreiches Zusammentreffen, dass durch die Einblendung von Vergleichseinspielungen einen einzigartigen Abriss der Beethoveneinspielungen den letzten 80 Jahre bietet. Furtwängler, Bernstein, Karajan, Norrington(Warum nur?) einige mehr. Und immer wieder Thielemann. Gott sei Dank!

Besetzung: Annette Dasch, Piotr Beczala, Mihoko Fujimura, Georg Zeppenfeld, Wiener Singverein, Wiener Philhamoniker Christian Thielemann  Label: Sony DDD/LA, 2008-1

Bestellbar bei JPC:

Ludwig van Beethoven (1770-1827): Symphonien Nr. 1-9 (6 CDs)

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